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KATASTROPHENZÜGE DER DR

 
 
K-ZUG-EINSÄTZE

ZUG NR. 1072

 
Viele Jahre lang startete in etwa 8-wöchigen Rhythmus vom Bahnhof Beelitz-Heilstätten ein seltsamer Zug mit der Zugnummer 1072 nach Brest an der Westgrenze der damaligen Sowjetunion. Die Zugnummer 1072 deutete auf einen internationalen Reisezug, der besonderen Benutzungsbedingungen unterliegt, hin.
Die Wagen sahen aus wie Schnellzugwagen – aber es waren keine…
Der Zug transportierte Menschen, aber keiner konnte eine Fahrkarte für ihn kaufen....
Einige „mitfahrende Personen“ wurden mit Hubschraubern direkt zum Bahnsteig gebracht – aber es waren keine VIP’s…
2 der am Zugschluss laufende Wagen hatten vergitterte Fenster – aber die Insassen waren keine Häftlinge…
Der Zug wurde von einer bewaffneten Wachmannschaft in Uniform begleitet, aber der Zug transportierte weder Gold oder Nuklearmaterial…
 
In regelmäßigen Abständen (unterschiedliche Quellen sprechen für die 80-er Jahre von einem etwa 2-monatlichem Rhythmus) verkehrte ein Zug auf der Relation Beelitz-Heilstätten (dem „Zentrallazarett" der GSSD in der DDR) über Teupitz und Frankfurt/Oder nach Brest. Der Zug diente der Rückführung erkrankter Militärangehöriger in die ehemalige Sowjetunion.
 
Der anfängliche Einsatz von truppentransportgeeigneten Güterwagen der Bauart "Oppeln" als Funktionswagen mP ist bereits erwähnt worden - ob diese als Bahndienstwagen galten und z.B. über eine Dampfheizleitung verfügten, konnte noch nicht ermittelt werden. Darüber hinaus gibt es belastbare Aussagen, wonach in dieser Zeit auch ein Gepäckwagen zum Transport der Ausrüstung und auch ein offener Güterwagen mit einem entsprechenden Kohlevorrat im Zugverband waren. Um welche Art Packwagen es sich dabei handelte und ob dieser bedarfsweise dem normalen Reisezugwagenpark entnommen wurde oder dauerhaft als Bahndienstwagen umgezeichnet war, ist ebenfalls offen.
Die Sache mit dem Kohlewagen erscheint nur so erklärbar, dass keine Heizkesselwagen zur Verfügung standen und somit die Wagen, die Dank eines eigenen Heizkessels autark geheizt werden konnten, deren Kohlebunker aber keine für die Gesamtstrecke ausreichenden Kohlevorrat aufnehmen konnten und deshalb unterwegs ergänzt werden mussten. Das Nachbunkern der Heizkesselwagen aus einem offenen Güterwagen erscheint massiv unglaubwürdig...
Bezüglich des Packwagens erscheint auch der Einsatz eines Breitprofil-Gepäckwagens der SZD nicht abwegig. Aber das ist Spekulation...
 
Einigen Info-Quellen folgend sollen die Fahrten nach Brest (generell) mit Personal vom Bww Seddin durchgeführt worden sein. Dies ist falsch. Falsch sind auch Behauptungen, dass die Stammbesatzungen der K-Züge der einzelnen Standorte geschlossen als Ausbildungsfahrt mit „ihrem eigenen Zug“ nach Brest fuhren, Personale und Stammeinheiten quasi „rotierten“. Vielmehr war es so, dass für diese Fahrten K-Zug-Personal aus mehreren Bww herangezogen wurde und nur die benötigten Stammfahrzeuge "wechselten". Da hat sich irgendwann einmal eine Art „Stammbesatzung „Brest“ aus Personal von verschiedenen Bww herausgebildet, die die meisten Fahrten nach Brest begleiteten. Eine solche Besatzung bestand aus dem K-Zug-Leiter, 3 Kesselwärtern für die Heizkesselwagen und 2 „Maschinisten“. Mindestens einen der Maschinisten / Fahrzeugschlosser stellte üblicherweise das Bww Seddin, da nur dessen Personal vollumfänglich mit der Technik der in Seddin beheimateten Funktions- und Begleiterwagen vertraut war.
 
Der "1072" wird von Brest-Central nach Brest-Nord geschoben. Das Bild hat S. Siebenhaar 1991 aufgenommen und stellte es mir für die Veröffentlichung zur Verfügung.
 
Das Personal für den Küchenwagen und auch das medizinische Personal stellte die Rote Armee. Zusätzlich befand sich ein bewaffnetes militärisches Begleitkommando im Zug. Der Dienst in der Bewachungseinheit war für jeden dafür eingeteilten Soldaten eine Auszeichnung. Zu einem solchen Einsatz gehörte die Genehmigung, während des kurzen Aufenthaltes in Brest direkt auf dem Bahnhof für 2 Stunden Besuch von Familienangehörigen empfangen zu dürfen...
 
Im Rahmen der Fahrten nach Brest wird häufig vom Einsatz zweier Stammeinheiten zuzüglich Beistellwagen gesprochen. Dass allerdings bei diesen Fahrten mit 2 kompletten Stammeinheiten plus Beistellwagen gefahren wurde, daran bestehen berechtigte Zweifel. Fotos aus dem Jahr 1991 zeigen den Zug, bestehend aus Nervenwagen N1 und N2, OP-Wagen, 3 Bmh-Bettenwagen, dem Begleiterwagen mP(med), 2 Begleiterwagen (mP und mP(O), Vorratswagen (bis hier von recht komplett sichtbar). Nicht zu sehen, aber ebenfalls im Zug je ein Küchenwagen, Maschinenwagen, DR-Begleiterwagen und 2 Heizkesselwagen. Das macht schon mal 15 Wagen. Entsprechenden Berichten von Angehörigen der DR zufolge, die mehrfach mit in Brest waren, wurde auch im Sommer mit 2 Heizkesselwagen gefahren.
Auch wenn die K-Zug-Stammfahrzeuge alle über eine autarke Heizanlage verfügten - nicht alle Funktionswagen hatten eine solche und machten den Einsatz der Heizkesselwagen zwingend. aber es war natürlich personell viel weniger aufwendig, die Heizkesselwagen in Betrieb zu halten, als eine Vielzahl einzelner Feuerstätten in den einzelnen Wagen zu kontrollieren, zu beschicken und die Rückstände zu entsorgen.
 
Seddin 1991. Der 1072 wird für eine Fahrt nach Brest vorbereitet. (C) S. Siebenhaar.
 
Nach dem Zusammenstellen und Vorbereiten (Batterien einbauen, Wassertanks befüllen, Maschinenwagen betanken, ND-Dampfversorgung des Küchenwagens in Betrieb nehmen) des Zuges in Seddin ging es leer nach Beelitz-Heilstätten. Dort wurde der Zug durch die Rote Armee mit medizinischem Gerät, Verbrauchsmaterial und Verpflegung ausgerüstet. Das Personal für den Küchenwagen und auch das medizinische Personal stellte die Rote Armee. Zusätzlich befand sich ein bewaffnetes militärisches Begleitkommando im Zug.
  Einige Zeit vor der Abfahrt wurden die Kranken (mit Ausnahme der Nervenkranken) verladen. Die Kranken kamen nicht nur aus dem Lazarett in Beelitz, sondern wurden auch teilweise u. a. mit Hubschraubern aus anderen Militärkrankenhäusern der sowjetischen Streitkräfte in der DDR direkt zum Zug nach Beelitz gebracht. Die Fahrt ging dann zunächst nach Teupitz, dort wurden die Nervenkranken eingeladen.  
  Nach Augenzeugenberichten waren die Nervenwagen teilweise überfüllt, nicht jeder Kranke konnte auf einer der 4 Pritschen je Abteil Platz finden. "Überzählige" Patienten wurden auf Matratzen auf dem Boden der Abteile mit den vergitterten Fenstern untergebracht. Es wird außerdem berichtet, dass die Insassen der Nervenwagen während des Transports generell "medikamentös ruhiggestellt" waren. Unter ihnen sollen sich auffallend viele Angehörige des fliegenden Personals befunden haben.  
  Der mit bis 15 Wagen „sehr erwachsene“ Zug dürfte selbst bei moderaten Fahrzeiten und den für Züge im Auftrag der Roten Armee üblichen Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h das bis Frankfurt führende Tfz bis zu seiner Leistungsgrenze gefordert haben. Apropos Tfz – Nach Ende des planmäßigen Dampflokeinsatzes in Richtung Frankfurt fuhren in der Dieselära zunächst bis Frankfurt/Oder die 118-er 4-Achser und gegen Ende der K-Zug-Einsätze auch 132-er.  
  Weiterfahrt nach Frankfurt/Oder. Sicheren Quellen zufolge wurden beide Heizkesselwagen auf der Hinfahrt vor dem Grenzübertritt nochmals im BW Frankfurt/Oder restauriert. Während dieser Zeit übernahm eine Dampflokomotive des BW Frankfurt (ersatzweise auch mal eine 118) die Dampfversorgung des Wagenparks. Auf polnischem Gebiet wurde meist in Posen und Warschau Wasser genommen, jedoch nicht restauriert. Grenzübertritt und Fahrt quer durch Polen nach Brest-Nord. Gefahren wurde ab Warschau übrigens nicht auf der „Magistrale“ auf direktem Weg nach Brest, sondern über eine parallel der Hauptstrecke verlaufende Strecke über Czeremcha, die zu Zeiten der Reparationslieferungen nach dem WK2 auch häufig von den Zügen der „Brigade“ befahren wurde.  
  Es gibt Meldungen, wonach bei Fahrten mit dem Fahrziel Brest nicht etwa der Umladebahnhof Brest-Nord angefahren wurde, sondern der Zug ein getarnt in einem Waldgebiet in der Nähe von Brest gelegenes militärisches Objekt zum Ziel gehabt hätte. Vielleicht war das zur Zeiten des kalten Krieges wirklich so, aber die Bilder von S. Siebenhaar, der die Fotos 1991 als K-Zug-Mitarbeiter in Brest selbst machte und mir dankenswerter Weise zur Veröffentlichung zur Verfügung stellte, zeigen den Zug während der Rangierfahrt an das Rampengleis und ungetarnt an einer Art Inselbahnsteig. Dieser befindet sich im zivilen Bereich des Bahnhofes Brest-Nord und dient sonst zum Umladen von Gütern von Normal- auf Breitspur bzw. umgekehrt. Der auf der Gegenseite der Rampe bereit stehende Zug ist der (Breitspur)-Lazarettzug für die Weiterfahrt in russische Landesinnere... Also nix Geheimnisvolles...  
     
 
 
  Das Foto vom 29. 03. 1991 (wieder von S. Siebenhaar) zeigt den Zug in Brest in folgender Reihung (von links beginnend):
2x Heizkesselwagen (im Bild nicht sichtbar)
Begleiterwagen für Deutsches Personal (B2) (aus dessen Fenster wurde fotografiert)
Maschinenwagen
Küchenwagen
Vorratswagen mit Zugführerabteil (V)
Kommandantenwagen /Stabswagen für Russ. Offiziere (K)
Soldatenwagen für Wachmannschaft (mP)
Begleiterwagen für Betreuungspersonal (medP)
3x Bettenwagen Bmh
OP- Wagen
2x Zellenwagen für Nervenkranke (N2 +1)
 
     
  Von Brest-Central wurde der Zug zum Bahnhof Brest-Nord geschoben - er diente vornehmlich für den Güterumschlag zwischen Breit- und Regelspurfahrzeugen. Dort wurden die Erkrankten und Verletzten in einen bereitstehenden Breitspur-Lazarettzug der SZD umgeladen. Das medizinische Personal fuhr - ebenso wie das Küchenpersonal - weiter mit dem Breitspurzug ins Landesinnere.  
     
 
 
 
Brest-Nord im Jahr 1991. Beide Laz-Züge stehen am Umladebahnsteig...
 
     
 
 
 
Umladebahnhof Brest-Nord. Der Breitspur-Lazarettzug der SZD hat bereits Brest verlassen. Eine Normalspur-Rangierlok der SZD wird die Laz-Garnitur zurück nach Brest-Central bringen..
 
     
  Nach erfolgter Restaurierung (Restaurieren war in Brest nicht möglich) in Ostpolen (Czeremcha) kehrte der Zug mit der DR-Besatzung und der Bewachungseinheit über Beelitz nach Seddin zurück. In Czeremcha konnte man gute schlesische Steinkohle bekommen, in Brest wäre es der berüchtigte „Kosakenkies“ gewesen. Im Czeremcha wurden auch die Heizungsanlagen der bei der Rückfahrt unbesetzten Wagen abgestellt und die der Altbaufahrzeuge auch entwässert.  
     
  Das deutsche Zugpersonal wurde durch die russische Küchenwagenbesatzung mit verpflegt. Jedem stand der Verpflegungssatz eines sowjetischen Soldaten zu. Zur "Abmilderung dieser Härte" empfingen die DR-Mitarbeiter vor der Abfahrt in Seddin entsprechende Verpflegungspakete.  
  Während der "Reise" waren Kontakte der DR-Mitarbeiter zu den Mannschaftsdienstgraden sowie dem medizinischen und dem Küchenpersonal bei den begleitenden Offizieren nicht gern gesehen. Einige hochprozentige Kontakte, insbesondere zu den Offizieren, gab es auch...  
     
   
 
Schematische Darstellung der Wagenreihungen des 1072 zwischen 1952 und 1993. In der K-Zug-Galerie findet sich eine großformatigere Darstellung...
 
     
  Bleibt noch die Frage, wie verfahren wurde, wenn während der Fahrt, im Extremfall auf fremdem Gebiet, an einem Fahrzeug ein Schaden eintrat, dessen Beseitigung unaufschiebbar war, beispielsweise ein defektes Achslager: In einem solchen Fall wurde mit der gesamten Zuggarnitur die nächste geeignete Werkstatt angefahren. Dort erhielt das Wagenpersonal der DR vom sowjetischen Zugkommandanten maximal 24 Stunden Zeit, den Schaden, z.B. durch einen Achstausch, zu beheben.  
     
     
 

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©2004 Burkhardt Köhler