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KATASTROPHENZÜGE DER DR

 
 
DIE K-ZUG-FUNKTIONSWAGEN
NERVENWAGEN
 
Dann wären da noch die drei "Erlkönige"....
... die Nervenwagen N1 und N2 und der Nerven-/Begleiterwagen N3. Sie gehören mit Sicherheit nicht nur wegen ihres außergewöhnlichen Einsatzzweckes zu den „merkwürdigsten“ Fahrzeugen im Wagenbestand der DR überhaupt und wurden ausschließlich für Einsätze im Laz1072 für die Sowjetarmee vorgehalten.
 
N1 und N2 waren als K-Zug-Funktionswagen seit Anfang der 50-er Jahre bis zur Einstellung des Zuglaufs 1993 für die Rückführung akut-psychiatrischer Militärangehöriger der Roten Armee aus der DDR in die SU auf der Relation Beelitz-Heilstätten – Frankfurt(O) – Brest im Einsatz.
 
Krankenabteil im Funktionswagen N2 (Nervenwagen 2)...
 
Zunächst zum N3:
Beim N3 handelte es sich um einen kombinierten Wagen, einerseits diente er wie die N1 und N2 dem Transport von "Nervenkranken" in speziell gesicherten Abteilen und andererseits als Unterkunftswagen für das medizinische Personal des Laz1072.
Spender für den „N3“ soll ein C4i gewesen sein, also ein Eilzugwagen, wie er als Spender auch für die Altbau-OP- und Bettenwagen zum Einsatz gekommen ist. Der Wagen muss allerdings innen völlig verändert worden sein - der C4i ist schließlich von Haus aus kein Abteilwagen mit Seitengang....
 
Vor einigen Jahren hat mein verstorbener Freund Andreas König einen C4üp (exC4i) als Nervenwagen gezeichnet...
 
Es ist schon erstaunlich, welchen Umbauaufwand man in einer Zeit, in der es an allem mangelte, hätte treiben müssen ... oder aber - der N3 war seitens seines Spenders gar kein C4i, sondern ein ehemaliger C4ü. Dann wäre allerdings der N3 auf dem MM-Bild falsch - weil ein C4ü ein ehemaliger Schnellzugwagen mit Seitengang war, der auch keine Doppeltüren an den Einstiegsräumen hatte.
Ich gehe rein persönlich und mit meinem heutigen Kenntnisstand bezüglich der K-Züge davon aus, dass der N3 einen C4ü-28 als Spender hatte, wie er auch für einige der Begleiterwagen zum Einsatz gekommen ist.
 
 

Der heutige Barwagen der Dampflokfreunde Salzwedel ist ein gebürtiger Gruppe-28-Wagen...

 
     
  Der N3 wurde frühzeitig (spätestens bis Mitte der 70-er Jahre!) ausgemustert. Die Wagennummer des N3 erhielt der als Ersatz in Dienst gestellte Begleiterwagen "Funktionswagen medP". Er entstand durch Umbau eines Bg-Modernisierungswagens aus dem Reisezugwagenbestand der DR. Genaueres zu diesem "medP" findet sich auf der Seite der Begleiterwagen...  
     
  Die Funktionswagen "N1" und "N2" waren nach der Abstellung der letzten Altbau-Bettenwagen neben den Heizkesselwagen gewissermaßen die "Alterspräsidenten" im K-Zug-Wagenpark der DR...  
     
  Anfang der 50-er Jahre baute das LOWA-Werk in Bautzen (der spätere VEB Waggonbau Bautzen) die ersten Nachkriegsreisezugwagen für den Bestand der DR. Es handelte sich um Schlafwagen 1. und 2. Klasse (WLAB) bzw.3. Klasse (WLC) für den ausschließlichen Einsatz im sog. "Blauen Express" auf der Relation Berlin - Brest - Berlin im Militärreiseverkehr für die Rote Armee / Sowjetarmee.  
  Bei den WLAB4ü-51 handelt es sich um Schlafwagen 1. und 2. Klasse, die von ihrem äußeren Erscheinungsbild und auch ihrer Fahrzeugtechnik ihren Ursprung in dem windschnittigen Schnellzug-Sitzwagen C4ü-38 der DRG haben. Sofort auffallender Unterschied sie die am WLAB5ü-51 verwendeten moderneren Dachlüfter der Bauart "Kuckuck" gegenüber den "Wendler"-Luftsaugern am DRG-Wagen. Wagenkästen des WLAB wurden nicht für den Aufbau von K-Zug-Fahrzeugen verwendet...  
     
 
 
 
Einen Wagen der Gattung C4ü-38 konnte ich im Jahr 2003 in einem Schadwagenzug in Leipzig Hbf fotografieren. Der Wagen gehörte damals zum Wagenbestand des Museums Nürnberg.
 
     
  Eine 2. Serie von windschnittigen Schlafwagen baute der spätere Waggonbau Bautzen als Schlafwagen 3. Klasse. Die Rohbauwagenkästen und das Fahrgestell waren identisch mit denen des WLAB4ü-51, hatten aber infolge der anderen Raumaufteilung nicht 8 Schlafabteile + 1 Begleiterabteil wie beim WLAB, sondern wegen der beidseitig im Abteil angebrachten Liegen (je 2 übereinander) nur 7 Schlafabteile und ein Begleiter-Halbabteil. Auch deren Einsatz erfolgte zunächst im "Blauen Express". Später - nach Abschaffung der 3. Wagenklasse - verwendete die DR die Wagen als Liegewagen im Binnenverkehr (Bcüe).  
  Der Serie für die WLC4ü-51 wurde ein Wagenkasten entnommen und als kompletter Neubau als "Funktionswagen N1" aufgebaut.  
     
  Technische Daten:  
  LüP: 21270mm  
  Eigenmasse: 40t  
  Drehgestelle"Görlitz-III-leicht"  
  Das Fahrzeug besaß zunächst Faltenbalg-Übergänge, die im Rahmen der Erhaltung im RAW Delitzsch gegen Gummiwulst-Übergänge ersetzt wurden. (Die beiden Nervenwagen wurden zeitweise abweichend von den anderen K-Zug-Fahrzeugen vom RAW Delitzsch unterhalten.) Er besaß von DRG-Wagen bekannte "Fallfenster" und hat diese auch bis zur Ausmusterung behalten. Entgegen der bei fast allen K-Zug-Wagen üblichen autarken Heizanlage besaß der N1 (und auch der N2!) nur eine Dampfheizanlage, die durch die Heizleitung des Zuges versorgt wurde. Damit waren die Nervenwagen DER Grund für die zwingende Beistellung eines bzw. zweier Heizwagen im Laz1072.  
     
 
 
     
 
 
 
Der N1. Die letzte Untersuchung des Fahrzeuges vor der Abstellung war nach glaubhaften Angaben am 13.03.92 im RAW Potsdam....
 
     
 
 
 
Seitengang im N1.
 
     
  Die 3. Serie der in Bautzen gebauten Schlafwagen waren ebenfall WLC, die sog. WLC4ü-50. Diese Wagen sind bezüglich des Wagenkastens ein Nachbau des C4ü-35. Beim WLC4ü-50 handel es sich um einen Ganzstahl-Schnellzugwagen mit eingezogenen Kopfstücken. Die Lieferung des WLC4ü-50 erfolgte bis zum Jahr 1961. Analog zum WLAB5ü-51 ist auch der WLC4ü-50 sofort an den moderneren Dachlüfter der Bauart "Kuckuck" gegenüber den "Wendler"-Luftsaugern des C4ü-36 zu unterscheiden.  
  Für den Bau des Funktionswagens "N2" wurde ein Wagenkasten der WLC4ü-50-Serie entnommen.  
     
  Technische Daten:  
  LüP: 21270mm  
  Eigenmasse: 40t  
  Drehgestelle"Görlitz-III-leicht"  
  Zum Zeitpunkt der Indienststellung hatte der N2 die DRG-typischen Fallfenster, die später gegen solche, wie sie an den Modernisierungswagen verbaut wurden, ersetzt. Auch er hat ursprünglich Faltenbalg-Übergänge, die im Rahmen der Modernisierung durch Gummiwulst-Übergänge ersetzt wurden.  
     
 
 
 
Das Foto vom N2 stellte mir Heinrich Priesterjahn dankenswerter Weise zur Verfügung.
 
     
 
 
 
Nervenwagen N2.1992, als die beiden Nervenwagen noch im Einsatz standen, hat Norbert Schmitz beide Fahrzeuge in Seddin fotografieren können und mir gestattet, die Fotos hier zu zeigen.
 
     
  Den Dokumenten zur K-Zug-Leiter-Tagung 1989 ist zu entnehmen, dass ab 1991 die Ablösung u.a. der beiden Nervenwagen durch modernere Fahrzeuge geplant war.
Es war bisher nicht in Erfahrung zu bringen, welcher Wagentyp als Spenderwagen dienen sollte. Aber es ist zu vermuten, dass man auf den als Liegewagen (Bcm) vom Waggonbau Bautzen gefertigten 26,4m-Seitengangwagen zurückgegriffen hätte, dessen Wagenkasten identisch mit dem des vom RAW Halberstadt gefertigten Sitzwagen Bm war.
Die LüP von 26,4m hätte dann allerdings auch die Erhaltung dieser Wagen im RAW Wittenberge bedingt.

 
  Die beiden Altbaufahrzeuge N1 und N2 sind nie durch Neubaufahrzeuge ersetzt worden und blieben bis zu Beginn der 90-er Jahre im Einsatz im Laz1072 von Beelitz-Heilstätten über Teupitz nach Brest. Sie erhielt erst am 13.03.1992 ihre letzte Frist.  
     
  Die 3 Nervenwagen werden häufig auch als Zellenwagen bezeichnet. Sie haben aber mit den zum Häftlingstransport durch das Ministerium des Inneren der DDR genutzten Zellenwagen der Gattung "Z" nichts gemein. Sie entsprachen mit ihrem Innenraumkonzept viel eher den im "Archipel Gulak" recht ausführlich beschriebenen "Stolypins" der SZD - eine Art Liegewagen für den Häftlingstransport. Sie behielten auch die bei den Zellenwagen der Bauart ZC4i der DR zurückgebauten Übergangsmöglichkeit an den Kopfstücken. Damit beantwortet sich auch eine eventuelle Frage bezüglich der Nutzung der DR-Zellenwagen als Nervenwagen und umgekehrt von selbst mit einem ausdrücklichen "nein".  
     
  Offenbar angelockt durch die frischen Fristen der beiden "Sonderlinge" im DR-Wagenpark wurden beide Wagen von den Eisenbahnfreunden Betzdorf / Sieg erworben. Sie planten den Einsatz der beiden Fahrzeuge als Sitzwagen im Museumsbetrieb. Um die Fahrzeuge als Sitzwagen herzurichten, wurde beide Wagen entkernt. Das EBA versagte dem Verein aber die Inbetriebnahme als Sitzwagen wegen der nicht vorhandenen Türblockiereinrichtung. Schließlich waren die Wagen als Bahndienstwagen gebaut und zugelassen worden - und hatten deshalb als Reisezugwagen bezüglich der Türblockiereinrichtung keinen Bestandsschutz.  
  Der N1 steht noch immer entkernt in Betzdorf. Der entkernte N2 wurde an die Jugendherberge Kratzeburg in Mecklenburg-Vorpommern verkauft. Dort erhielt er eine neue Inneneinrichtung in der Art eines Liegewagens und wird als Unterkunftswagen genutzt - an sein wirkliches Leben erinnert nichts mehr.  
  So gesehen war es nicht, wie Thomas Dießner schreibt, ein Glück, dass die Wagen den Betzdorfern in die Hände fielen - mit etwas mehr Geschichts- und Sachverstand hätten diese Wagen mit ihrer einmaligen Inneneinrichtung erhalten werden können. So aber wurde die Inneneinrichtung liquidiert...  
     
 
 
 
Der ehemalige N2 als Übernachtungswagen in der Jugendherberge Kratzeburg.
 
     
 

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©2004 Burkhardt Köhler